Leide ohne zu klagen: Warum Behinderung keine Hinderung ist
Militärhistoriker Ilya Zarrouk über Schicksal, Selbstdisziplin und die Frage, warum echte Inklusion mehr ist als gut gemeinte Gesten.
Ilya Zarrouk ist Militärpolitikwissenschaftler, Militärhistoriker und Honorardozent. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich der gebürtige Mannheimer mit sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen, ebenso mit Inklusionspolitik sowie Sozial- und Europarecht. Von Geburt an gehbehindert, versteht er sein Leben nicht als Einschränkung, sondern als permanente Herausforderung zur Selbstbehauptung.
Für dieses Interview wählte Zarrouk bewusst den Titel Leide, ohne zu klagen, denn Behinderung ist keine Hinderung. Ein Satz, der auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt. Für ihn ist es das Gegenteil. Der Ausspruch gehe auf Kaiser Friedrich III. zurück, einen schwerkranken Monarchen, der trotz persönlicher Leiden Verantwortung übernahm. Für Zarrouk ist der Satz Ausdruck von Schicksalsannahme ohne Selbstaufgabe.
Behinderung, Krankheit oder Lebenskrisen seien Prüfungen, keine Freifahrtscheine zur Resignation. Entscheidend sei, das eigene Schicksal anzunehmen und dennoch handlungsfähig zu bleiben. Daraus folge nicht, Demütigungen oder Ausgrenzung hinzunehmen. Würde und Selbstachtung seien unantastbar.
Kritisch blickt Zarrouk auf eine Gesellschaft, die Mitgefühl oft inszeniere, aber selten lebe. Öffentliche Solidarität erschöpfe sich zu häufig in Symbolen und Kamerabildern, während echte Teilhabe ausbleibe. Besonders problematisch sei ein Materialismus, der Verlust, Krankheit oder Einschränkung kaum aushalte.
Gleichzeitig berichtet er von positiven Erfahrungen. Vor allem im militärischen Umfeld habe er gelernt, dass nicht Defizite zählen, sondern Fähigkeiten. Die Frage sei nie gewesen, was jemand nicht könne, sondern wie Potenziale entwickelt werden. Ähnliche Wertschätzung habe er auch bei sozialen Trägern und seinem heutigen Arbeitgeber erfahren.
Sein Fazit ist klar: Keine Klagerei, sondern Selbstdisziplin, Verantwortung und Respekt vor dem eigenen Schicksal. Nicht Mitleid, sondern Anerkennung von Können. Für Zarrouk ist das gelebte Inklusion.